ADHS und Zwillings- und Geschwisterstudien

Zwillings- und Geschwisterstudien auf der Basis von anonymisierten Daten der gesetzlichen Krankenkassen – das Beispiel Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Für ADHS ist bekannt, dass das Auftreten dieser Erkrankung zu einem großen Teil durch genetische Faktoren bestimmt wird. Der Umfang genetischer oder Lebensstil- bzw. Umwelt-bedingter Beeinflussung einer Erkrankung hat wichtige Implikationen für die Behandlung bzw. Prävention. Die mögliche genetische Beeinflussung einer Erkrankung kann anhand von Zwillingsstudien untersucht werden, bei denen die Häufigkeit des bei Geschwistern gleichzeitigen Auftretens dieser Erkrankung vergleichend zwischen Gruppen von eineiigen und zweieiigen Zwillingspaaren bestimmt wird. Grundlage für eine solche Studie ist in der Regel ein Zwillingsregister, in dem für die dort registrierten Zwillingspaare eine Datenerhebung zur fraglichen Erkrankung durchzuführen ist. In Deutschland gibt es ein solches Zwillingsregister nicht. Zudem ist die Datenerhebung zum Erkrankungsstatus meist aufwendig  und im Falle von Befragungen zu zurückliegenden Ereignissen fehleranfällig. Da die Erkrankungen meist nicht sehr häufig sind, muss außerdem für eine verlässliche Aussage zum genetischen Einfluss eine relativ große Studienpopulation untersucht werden. Dies bedingt, dass solche Studien häufig schon aus ökonomischen Gründen nicht durchführbar sind.

Ziel dieser im Rahmen der GEPOLO-ADHS-Studie durchgeführten Analyse war es, am Beispiel von ADHS zu untersuchen, ob anonymisierte Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen geeignet sind, Zwillings- und Geschwisterstudien für Kinder und Jugendliche zur Bestimmung der Erblichkeit von Erkrankungen durchzuführen. Für eine solche Studie müssen zum einen der Erkrankungsstatus und zum anderen der Verwandtschaftsgrad der Studienteilnehmer bestimmt werden.

Für andere Untersuchungen im Rahmen der GEPOLO-ADHS-Studie hatten wir bereits gezeigt, dass bei Kindern und Jugendlichen mit einem auf ambulanten und stationären Diagnosen sowie auf Verschreibungsdaten basierenden Algorithmus an ADHS erkrankte Kinder und Jugendliche in den Krankenkassendaten identifiziert werden können. Es besteht zudem die Möglichkeit, Geschwisterpaare zu identifizieren, da diese in der Regel bei dem gleichen Hauptversicherten mitversichert sind. Unter der Annahme, dass bei der gleichen Mutter aufeinanderfolgende Lebendgeburten nur selten im gleichen Kalenderjahr auftreten, wurden Geschwisterpaare mit Geburt im selben Jahr als Zwillinge definiert.

Auf diesem Wege konnten in den Krankenkassendaten für den Altersbereich von 6 bis 17 Jahren  insgesamt 299.139 Geschwisterpaare in die Studie einbezogen werden, von denen 12.486 (4,2% aller Paare) als Zwillingspaare klassifiziert wurden. Bei 64,2% der Zwillingspaare hatten beide Zwillinge das gleiche Geschlecht. Von allen eingeschlossenen Kindern und Jugendlichen wurden 3,2% als an ADHS erkrankt eingestuft.

Basierend auf diesen Geschwisterpaaren konnten verschiedene Erblichkeitsmaße für ADHS bestimmt werden. Diese Maße bilden ab, wie häufig bei eineiigen Zwillingen beide Geschwister den gleichen Erkrankungsstatus aufweisen (beide krank oder beide nicht krank) im Vergleich zu anderen Geschwisterpaaren. In unserer Untersuchung konnte über den Anteil von Zwillingspaaren mit unterschiedlichem Geschlecht der Anteil eineiiger Zwilling unter allen Zwillingen berechnet werden. Durch die Einbeziehung von Nicht-Zwillings-Geschwisterpaaren, deren Grad genetischer Übereinstimmung vergleichbar mit der von zweieiigen Zwillingen ist, konnte bestimmt werden, welcher Anteil der in unserer Studie beobachteten Zwillingspaare mit gleichem Erkrankungsstatus beider Geschwister eineiigen Zwillingen zuzurechnen war. Die auf dieser Basis berechnete Erblichkeit für ADHS besagt, dass das Auftreten von ADHS zu etwa 80% von genetischen Faktoren bestimmt wird. Dieser Wert stimmt gut mit den in der internationalen Literatur veröffentlichten Ergebnissen überein. Bemerkenswert ist, dass die Häufigkeit der Übereinstimmung des Erkrankungsstatus von ADHS mit der Geschlechterzusammensetzung im Geschwisterpaar zusammenhing: Geschwister gleichen Geschlechts zeigten häufiger eine Übereinstimmung als Geschwister unterschiedlichen Geschlechts. Dieser Aspekt soll in einer weiteren Studie näher untersucht werden.  

Wir konnten mit dieser Studie am Beispiel von ADHS zeigen, dass anonymisierte Krankenkassendaten eine geeignete Basis für die Untersuchung der Erblichkeit von Erkrankungen, die schon im Kindes- und Jugendalter auftreten, darstellen. Dieser Ansatz kann auf andere Erkrankungen übertragen werden und bietet so die Möglichkeit, auch ohne Zwillingsregister und ohne aufwendige Erhebung von neuen Daten das Ausmaß eines genetischen Einflusses für das Auftreten einer Krankheit zu untersuchen.

Publikation:

Langner I, Garbe E, Banaschewski T, Mikolajczyk RT. Twin and sibling studies using health insurance data – the example of attention deficit/hyperactivity disorder (ADHD). PLoS One. 2013 Apr 24;8(4):e62177 (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/236379971)

1Das ist die Adresse, unter der es bei PubMed erscheint.

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