Behandlung von ADHS in Deutschland

Wie sieht die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) in Deutschland aus: Ergebnisse einer großen, bevölkerungsbasierten Studie

Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology, Dezember 2012: In der Dezember-Ausgabe des internationalen Fachjournals wurden die Ergebnisse unserer GEPOLO-ADHS-Studie zu medikamentösen Behandlungsmustern von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) veröffentlicht. Ausgewertet wurden die Daten von Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren, die erstmalig im Jahr 2005 mit ADHS diagnostiziert worden waren und die bis maximal 2009 nachverfolgt werden konnten.

Trotz eines enormen Anstiegs der Therapie mit Methylphenidat (MPH, unter anderem in Deutschland vermarktet unter dem Handelsnamen Ritalin®) ist relativ wenig über die Arzneimitteltherapie von ADHS Kindern und Jugendlichen in Deutschland bekannt. MPH wurde 1954 in Deutschland auf den Markt gebracht und 1971 unter die Betäubungsmittelverordnung gestellt. Neben der schnellfreisetzenden Form (immediate release=IR MPH) wurden inzwischen in Deutschland verschiedene MPH-Arzneimittel in einer pharmazeutischen Formulierung eingeführt, die eine längere Wirkdauer hat (modified release=MR MPH) als der bisher verfügbare schnell wirkende Arzneistoff:  CONCERTA® (Januar  2003),  Medikinet® retard (Februar 2005), Equasym® Retard (September 2006), und RITALIN® LA (Dezember 2007). Bei diesen pharmazeutischen Formulierungen entfällt die Notwendigkeit der täglichen Mehrfacheinnahme und sie gelten als ebenso wirksam wie die IR-Form von MPH. Seit März 2005 gibt es zudem einen neuen Wirkstoff zur Therapie von ADHS – Atomoxetin (Handelsname Strattera®). Zielstellung unserer Untersuchung war es, die Anwendung dieser unterschiedlichen Medikamente für die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit ADHS in Deutschland zu beschreiben. Unsere Daten waren leider nicht aktuell genug, um auch den im Dezember 2011 neu eingeführten Arzneistoff Dexamfetamin (Handelsname Attentin®) mit einzubeziehen.

Analysiert wurden anonymisierte Krankenkassendaten einer bundesweiten Krankenkasse mit mehr als 7.200.000 Mitgliedern. Eingeschlossen in die Studie wurden 6.210 Kinder und Jugendliche im Alter von 3-17 Jahren mit ADHS, bei denen die Diagnose ADHS im Jahr 2005 neu gestellt worden war. Jungen überwogen deutlich mit 76,8%. Die Kinder und Jugendlichen wurden über einen maximalen Zeitraum von 4 Jahren (bis Ende 2009) beobachtet. Analysiert wurden der Zeitraum von der ersten Diagnose mit ADHS bis zum Beginn einer Behandlung mit ADHS-Medikamenten und ein möglicher Wechsel der Therapie zwischen den verschiedenen ADHS-Medikamenten. Von besonderem Interesse war, ob sich spezifische Patientenmerkmale für eine frühzeitige Therapie mit ADHS-Medikamenten eruieren ließen. In einer weiteren Analyse wurde die Zeitdauer vom Beginn einer Therapie mit ADHS-Medikamenten bis zum Absetzen der Therapie untersucht.

Im 4-jährigen Beobachtungszeitraum nach einer Erstdiagnose ADHS erhielten 52,0% der ADHS Kinder (53,4% der Jungen, 47,5% der Mädchen) eine Arzneimitteltherapie zur Behandlung von ADHS. Als erstverschreibender Arzt waren Kinderarzt (39,3%) und Kinder- und Jugendpsychiater (38,0%) ungefähr gleich häufig. Der überwiegende Teil der Kinder und Jugendlichen (91,6%) wurde zuerst mit MPH behandelt, lediglich 8,4% der Kinder und Jugendlichen erhielten initial Atomoxetin. IR MPH war initial mit 75,3% Medikament der ersten Wahl in einer großen Zahl von Patienten, bei 48% wurde jedoch noch im ersten Jahr zu einem MR MPH-Präparat gewechselt bzw. die Therapie mit diesem ergänzt. Einflussfaktoren für eine frühzeitige Arzneimitteltherapie waren emotionale und Verhaltensstörungen (13% Risikoerhöhung) und eine Diagnose von ADHS mit Störung des Sozialverhaltens (21% Risikoerhöhung). Ein junges Lebensalter schützte vor einer frühzeitigen medikamentösen Therapie.

Frühzeitige Therapieabbrüche waren häufig: 6, 12, und 24 Monate nach Therapiebeginn hatten 22,4%, 43,4%, bzw. 66,3% der behandelten Mädchen und 17,8%, 36,1%, und 54,1% der behandelten Jungen ihre ADHS Therapie abgebrochen.

Insgesamt zeigt unsere Studie, dass ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland sehr häufig mit Medikamenten behandelt wird. Die medikamentöse Behandlung erfolgte häufiger bei Jungen als bei Mädchen. Die initiale Behandlung mit IR MPH war in Einklang mit Empfehlungen, da mit dem schnell freisetzenden Präparat eine Dosistitration flexibler möglich ist. Warum mehr als 20% der Behandelten die Therapie nach 6 Monaten und mehr als 50-60% nach einem Jahr abbrachen, bedarf weiterer Untersuchung.

Publikation

Garbe E, Mikolajczyk RT, Banaschewski T, Petermann U, Petermann F, Kraut A, Langner I. Drug Treatment Patterns of Attention Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents in Germany: Results from a Large Population-Based Cohort Study. Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology 2012; 22: 452-458 (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/232345881)

1Das ist die Adresse, unter der es bei PubMed erscheint.