Häufigkeit von ADHS in Deutschland

Wie häufig ist ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland und wie häufig wird es in den verschiedenen Altersgruppen neu diagnostiziert?

Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology, August 2012: In der August-Ausgabe des internationalen Fachjournals J Child Adolesc Psychopharmacol wurden die Ergebnisse unserer GEPOLO-ADHS-Studie zur Schätzung der altersspezifischen Häufigkeit (Prävalenz und Inzidenz) von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) in Deutschland veröffentlicht. Ausgewertet wurden die Daten von Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren mit ADHS. In weiteren Analysen wurde untersucht, inwieweit es Anhaltspunkte dafür gibt, ob eine Behandlung möglicherweise vorzeitig abgebrochen wird und wie sich die Erstbehandlung mit ADHS-Medikamenten gestaltet.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist die häufigste neurobiologisch bedingte Verhaltensstörung bei Kindern und Jugendlichen. Sie ist charakterisiert durch die  Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Die berichtete  Häufigkeit (Prävalenz=Häufigkeit einer bereits bestehenden Erkrankung) von ADHS variiert für unterschiedliche Länder. Dies ist vermutlich auf die Verwendung von unterschiedlichen Klassifikationssystemen (ICD versus DSM), Grundlagen zur Feststellung der Diagnose  (diagnostische Skalen, Elternberichte, administrative  Datenbanken) und Studienpopulationen (Erhebung von Patienten in Kliniken oder Arztpraxen, in Schulen oder in der Bevölkerung) zurückzuführen. Für Deutschland fehlten bisher Angaben zur Prävalenz, die auf einer repräsentativen Datenquelle für Gesamtdeutschland basieren. Mit unserer Studie sollte diese Lücke geschlossen werden.

Die Erstdiagnose von ADHS (=Inzidenz) kann in unterschiedlichem Alter erfolgen. Für Deutschland sollten in dieser Studie weiterhin altersspezifische Inzidenzen auf der Grundlage repräsentativer Daten ermittelt werden. Gleichzeitig war von Interesse, wie lange sich ein Kind mit ADHS in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung befindet. Der Beginn einer medikamentösen ADHS-Therapie war ein weiterer Untersuchungsgegenstand.

Für diese Studie wurden anonymisierte Daten der Jahre 2004 bis 2006 von vier gesetzlichen Krankenkassen verwendet. Eingeschlossen wurden Kinder und Jugendliche, die im Jahr 2005  zwischen 3 und 17 Jahre alt waren und für die Angaben zu Geschlecht und Wohnort (Bundesland) vorlagen.  Die Berechnung der altersspezifischen Prävalenz und Inzidenz von ADHS erfolgte im Jahr 2005. Eine Diagnose aus dem Jahr 2005 galt als neu (inzident), wenn innerhalb der vorhergegangenen 365 Tage keine ADHS-Diagnose und keine Verschreibung eines ADHS-Medikamentes erfolgt waren. Für die Bestimmung der Prävalenz musste ein Jahr durchgehende Versichertenzeit, die den 31.12.2005 einschloss, vorliegen. Für die Einordnung eines Kindes als mit ADHS erkrankt wurden stationäre Diagnosen, ambulante Diagnosen und Arzneimitteltherapien nach einem ausgewählten Algorithmus herangezogen. Um Schätzer für Deutschland zu erhalten, wurden Prävalenz und Inzidenz nach Alter, Geschlecht und Bundesland des Wohnortes gewichtet. Für die Fragestellung, wie lange sich ein Kind in ärztlicher Behandlung befand, wurde die Lebenszeitprävalenz zu einem bestimmten Alter anhand der Inzidenz von ADHS Diagnosen unter der Annahme konstruiert, dass die altersspezifische Identifikation von ADHS über die letzten Jahre konstant war und mit der Prävalenz verglichen.

Die Prävalenz von ADHS bei den 3-17 Jährigen im Jahr 2005 betrug 2,5%. Die Prävalenz war annäherungsweise viermal höher in Jungen als in Mädchen. Die altersspezifische Prävalenz war am höchsten in 10-jährigen Jungen und 9-jährigen Mädchen. Die Inzidenz fiel mit 0,9 neuen ADHS- Diagnosen pro 100 Personenjahre deutlich geringer aus. Für die Inzidenz zeigte sich ein nahezu linearer Anstieg bis zum Alter von 8 Jahren in Jungen und 9 Jahren in Mädchen und danach ein Rückgang der Inzidenz.  Der konstruierten Lebenszeitprävalenz zufolge hatten 18,8% der Jungen und 6,4% der Mädchen bis zum Erreichen ihres 17. Lebensjahres zumindest einmal eine ADHS Diagnose. Bei einem Vergleich der konstruierten Lebenszeitprävalenz mit der tatsächlich beobachteten Prävalenz lässt sich schlussfolgern, dass ein großer Anteil von Kindern und Jugendlichen mit ADHS ihre Behandlung (Arztbesuche oder Medikamentenverschreibungen) vermutlich nach kurzer Zeit abbrechen. Die Wahrscheinlichkeit dass die Behandlung nach dem Wechsel in die ein Jahr ältere Altersgruppe fortgesetzt wurde, lag für Mädchen bei 61% und für Jungen bei 70%. Von allen Kindern und Jugendlichen mit einer inzidenten ADHS-Diagnose in 2005 erhielten innerhalb eines Jahres nach der initialen Diagnose 37% mindestens eine Verschreibung von Methylphenidat oder Atomoxetin. In der Häufigkeit der Initiierung einer medikamentösen Behandlung und der Wahl des Medikaments gab es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In 9,4% der ADHS Fälle begann die medikamentöse Behandlung im selben Quartal wie die erste Diagnose.

Unsere Studie bietet wichtige Daten über die Krankheitslast mit ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland und Aspekte der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung.

Publikation

Lindemann C, Langner I, Kraut A, Banaschewski T, Schad-Hansjosten T, Petermann U, Petermann F, Schreyer-Mehlhop I, Garbe E, Mikolajczyk RT. Age-specific prevalence and drug treatment of attention deficit/hyperactivity disorder (ADHD) in Germany. J Child Adolesc Psychopharmacol 2012; 22(4):307-14. (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/228563841)

1Das ist die Adresse unter der es bei Pubmed erscheint.